Wer zahlt, befiehlt gar nicht

Das zentrale wertschöpfende Element in unserer Volkswirtschaft ist das  «verarbeitende Gewerbe», unsere produzierende Industrie also.  Mit ihrer Exportabhängigkeit trägt sie rund ein Fünftel zum BIP bei.

Von René Brugger, Swiss Technology Network

Ein Blick in die Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigt, dass dieser Teil des zweiten Wirtschaftssektors mit über 19% den grössten Teil ausmacht. Mit knapp 15% folgen «Handel und die Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen». Ein paar weitere Beispiele: Finanzdienstleistungen 6%, Versicherungen 5%, Bauge­werbe 5%, Gastgewerbe und Beherbergungen 1.6%, Land- Forstwirtschaft und Fischerei 0,65%. Quelle: Seco; BIP gemäss Produktionsansatz.

Wahrscheinlich sind Sie auch verblüfft darüber, wie stark die industrielle Wertschöpfung gegenüber anderen Wirtschaftszweigen obenausschwingt. Die öffentliche Wahrnehmung scheint umgekehrt proportional zu diesen Zahlen zu sein. Generell staune ich immer wieder, wie wenig es bekannt ist, dass die produzierende Industrie ein, wenn nicht überhaupt DER zentrale Motor unserer Volkswirtschaft ist. Dazu kommt, dass sie weitere, separat erfasste Zweige unmittelbar mit sich zieht. Als Beispiele seien das Transportwesen, die outgesourcte ICT und ein Teil der Hotellerie genannt. Nach meiner Schätzung hängen letztlich 25 – 30% des BIP direkt an unserer fertigenden Industrie. Mit etwa diesem Anteil finanziert die Industrie auch Subventionen und Direktzahlungen mit, seien diese für den Energiesektor, die Honigtöpfe der Energiestrategie 2050, oder für die Landwirtschaft, um nur zwei Beispiele zu nennen.

In dieser Betrachtung liegt einiger politischer Zündstoff. Vor allem dann, wenn es um Entscheidungen rund um die Rahmenbedingungen geht, wozu auch Freihandelsabkommen zählen. Letztere werden leider oft massgeblich von «Nicht-Industrie­kreisen» beeinflusst.

Insgesamt steigt das Unwohlsein, trägt man der Entwicklung der gesamten Rahmenbedingungen Rechnung. Von der Währung über Änderungen im Steuersystem bis hin zur Unklarheit bei den Bilateralen Verträgen 1:  Allesamt führen sie tendenziell zu einer Verringerung unserer Wettbewerbsfähigkeit.

Welches sind die langfristigen Folgen?

Ein ganz besonderes Augenmerk liegt auf den Verlagerungsaktivitäten der Schweizer Industrie. Werden Produktionen in Teilen oder gar vollumfänglich ausgelagert, nimmt die Planung der Verschiebung viele Monate bis über ein Jahr in Anspruch. Konkret heisst das, dass für 2015 erho­bene Zahlen diese naheliegenden Massnahmen noch kaum abbilden. Tatsächlich: Wirft man einen Blick in die letzten Zahlen des BFS, so weisen diese sogar ein bemerkenswertes Wachstum des Aggregates «verarbeitendes Gewerbe / Herstellung von Waren» auf.

Der Schein dürfte hier noch trügen. Gespannt bin ich auf die Entwicklung im nun laufenden 2016. Die Zahlen für das erste Quartal werden demnächst publiziert. Im Gegensatz zu Ländern wie den USA, die eine «Reindustrialisierung» vorwärtstreiben, und auch Europa, das die durchschnittliche industrielle Wertschöpfung von derzeit 15 auf 20 Prozent heben will, haben wir in der Schweiz kein offizielles Ziel. Im Gegenteil – wir gehen das Risiko ein, bei dieser quantitativen und qualitativen Wohlstandsmaschine wertvolle Prozentpunkte zu verlieren. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich rufe nicht nach einer Industriepolitik, wie sie in einem Teil der umliegenden Länder gemacht wird. Ich meine damit wiederholt die sehr geringe öffentliche und politische Wahrnehmung und Wertschätzung, die der Industrie hierzulande entgegengebracht wird. Hier ist dringend eine Balance anzustreben, ohne jedoch das unternehmerische Handeln einzuschränken. Um dies zu erreichen, braucht es Ihr Bewusstsein, liebe Lesende, und dazu auch, dass es in den Verbänden und der Politik regelmässig thematisiert wird.

Zu den möglichen Wegen in Richtung einer erfolgreichen Zukunft gehört neben unseren ureigensten helvetischen Tugenden auch die digitale Transformation, die rund um den Globus im Gang ist. Sie beschäftigt uns auf allen Ebenen und bietet uns als höchst innovativem Land hervorragende Chancen, die es an vorderster Front wahrzunehmen gilt.

Nur wenige Nationen verfügen über solch umfassende Stärken wie wir in unserer kleinen Schweiz. Allerdings verfliessen die Grenzen zunehmend, und die Digitalisierung trägt viel dazu bei, dass intelligente Köpfe irgendwo auf dem Globus damit beginnen können, ein neues Spiel zu machen. Doch dank unserer Kreativität und unserem Know-how können wir bestens mithalten und in bekannten wie auch neuen Nischen innovative Wege gehen – mit Aufgeschlossenheit für das Neue und unternehmerischem Mut!

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